am 19.02.2019

Die Mutter der Kompanie

Hanne Lingg

Hanne Lingg blickt auf 45 Vierschanzen-Tourneen als Helferin zurück. Bevor für die 78-Jährige beim Weltcup der Frauen der letzte Vorhang fällt, erinnert sie an Geschichten mit Schwedens König und einer britischen Legende

Der Weltcup im Frauenskispringen soll der Schlusspunkt sein. „Irgendwann muss es ja ein Ende haben“, sagt Hanne Lingg entschlossen. Mehrmals schon hatte sie ihren Abschied angekündigt, und doch kann es ihr noch niemand so richtig abnehmen, dass sie es ernst meint mit ihrem Ausscheiden aus dem Organisationskomitee für die Großveranstaltungen im Wintersport in Oberstdorf. Viel zu lange schon ist Hanne Lingg als Angestellte das vertraute Gesicht im OK-Büro.

Lingg ist die Expertin für Helferausstattung, Parkgenehmigungen und für die Betreuung der Ehrengäste. Auch bei Kümmernissen weiß die 78-jährige Oberstdorferin meist guten Rat und gibt charmante Hinweise, wer mit wem wie umgehen sollte. „Nach all den Jahren kennt man seine Pappenheimer“, verrät sie schmunzelnd. Diese „Pappenheimer“ und alle weiteren Aufgaben soll Nachfolgerin Jenny Wiartalla übernehmen. Schließlich steht 2021 eine „neue“ WM an, und statt einer „Gelegenheitsarbeiterin“, wie sie es sei, müsse es einen dauerhaften Ansprechpartner geben, versichert Hanne Lingg.

Nach all den Jahren ist es an der Zeit, ihr Engagement Revue passieren zu lassen, noch ehe der letzte Vorhang fällt. Da sind unglaubliche 45 Auflagen der Vierschanzentournee. Da sind die beiden Weltmeisterschaften 1987 und 2005, und da sind unzählige Weltcups im Nordischen Skisport, die nicht ohne sie gelaufen sind. Nicht immer im gleichen Aufgabenbereich, aber stets mit der gleichen Leidenschaft. Als Verkehrsamts-Angestellte war sie seit 1972 zunächst zuständig für die Unterbringung der Sportler, der Offiziellen und der Medienvertreter. Und auch, als sie 2000 in Rente ging, hat sie der Skisport nie losgelassen. Wie selbstverständlich packte sie weiter dort an, wo man sie am meisten brauchte – mit ihren Kontakten zu Sportlern, Funktionären und Medienvertretern in aller Welt. Seit 2006 schlug sie in jedem Winter ihr „Hauptquartier“ im Büro der Skisport- und Veranstaltungs GmbH auf, zuständig für die Einkleidung der vielen hundert Helfer, für die Ehrengastliste oder als „Herrin“ über begehrte Parkgenehmigungen.

Und da sind die Anfänge, die die tiefe Verbundenheit von Hanne Lingg mit dem Skispringen und dem Skiclub Oberstdorf erklären. Ihr Onkel war der legendäre Skisprung-Pionier Sepp Weiler – und die Nichte verfolgte schon damals gespannt die Übertragungen am Radio. Als sie erwachsen war, hatte sie im Verkehrsamt in Oberstdorf fortan hautnah mit Skisprung-Idolen wie Toni Innauer oder Matti Nykännen zu tun. Sie erinnert sich allzu gut an das Trettachstüble als Dreh- und Angelpunkt für Sportler, Offizielle und Journalisten. „Früher war alles ruhiger und gemütlicher, da hatte man noch direkten Kontakt und fand für viele Probleme recht unkomplizierte Lösungen“, erzählt sie.

Lingg erinnert sich an erschöpfte kanadische Skispringer, die erst um 2 Uhr auf Irrwegen zur Tournee anreisten. Sie wartete geduldig mit dem Schlüssel fürs Quartier und organisierte für die hungrigen Sportler noch ein Mahl nach Mitternacht. Und Lingg sorgte ebenso dafür, dass der Paradiesvogel des Skisports, „Eddie, the eagle“, Familienanschluss bei ihren Freunden Rosmarie und Mothes Schöll erleben durfte. „Mit Schlafplatz und Service für Skier und Skischuhe für diesen im Weltcup-Zirkus völlig unerfahrenen Sportsfreund“, berichtet sie. All das Engagement der heute 78-Jährigen wäre ohne einen starken Mann im Hintergrund nicht denkbar gewesen, weiß Hanne Lingg. Ihr Gatte, Max Lingg – langjähriger Leiter des Shuttle-Dienstes – hielt seiner Frau Hanne nicht nur über die Jahre stets den Rücken frei. Max Lingg spielte auch nicht selten für seine Ehefrau das persönliche Shuttle im Rahmen der Großveranstaltungen.

Lingg wiederum gab das gerne zurück und bei so viel Gastfreundschaft war es auch nicht verwunderlich, dass sie während der Weltmeisterschaft 2005 zu unerwarteten Ehren kam. Von der Einladung des schwedischen Königs Carl Gustav zu einem Whiskey an der Hotelbar im Exquisit erzählt sie heute noch amüsiert. Ein guter Whiskey zählt seither trotzdem nicht zu ihren Lieblingsgetränken. Mit den Freunden und Kollegen von der SVG wird sie zum Abschied wohl eher ein Gläschen Sekt heben. „Mit ein bisschen Wehmut“, sagt Hanne Lingg. Und die Mutter der Kompanie ergänzt: „Aber mit viel Zuversicht, dass die Jungen es gut machen.“

Text: Elke Wiartalla, Allgäuer Anzeigeblatt 15.02.2019