am 23.03.2018

Schanzen-Girls stehen vor dem Quantensprung

Freut sich auf gemeinsame Großschanzen-Weltcups mit den Männern: Olympiasiegerin Carina Vogt. Ob sie und die internati1229583391

Beim Weltcup-Finale in Oberstdorf dreht sich fast alles um die geplanten Neuerungen zur nächsten Saison. Lundby, Althaus und Vogt sollen künftig öfter mit den Männern springen. Dürfen sich ab 2019 die Besten sogar schon von Skiflugschanzen stürzen?

Oberstdorf
Dieser vor über 20 Jahren angeblich im Spaß geäußerte Satz wird Gian-Franco Kasper, dem Präsidenten des Internationalen Skiverbandes, in nächster Zeit wohl noch des Öfteren um die Ohren fliegen. Skispringen müsse eine Männerdomäne bleiben, forderte Kasper 1997, schließlich „zerreiße es den Frauen bei der Landung ja die Gebärmutter.“ Ungeachtet dessen, dass heute kein Mensch mehr eine saubere Telemark-Landung mit schwindender Zeugungsfähigkeit in Verbindung bringen würde, geht die Entwicklung des Frauenskispringens rasant weiter. So dreht sich an diesem Wochenende beim Weltcup-Finale in Oberstdorf fast alles darum, ob die Schanzen-Girls schon in der kommenden Saison zu neuen Höhenflügen ansetzen – oder ob die Pläne von Verband und Top-Springerinnen nicht doch ein bisschen abgehoben sind…

Um was geht es konkret? Die Frauen sollen bereits ab der nächsten Saison 2018/2019 hauptsächlich von Großschanzen springen. Ausgerechnet am Weltfrauentag kündigten Walter Hofer (Österreich) und Chika Yoshida (Japan), die beiden Skisprung-Renndirektoren des Internationalen Skiverbandes, unlängst bei einer Pressekonferenz in Oslo (Norwegen) an, dass Frauen und Männer künftig des Öfteren gemeinsam an einem Ort springen sollen. „Wir wollen die Synergien künftig besser nutzen“, so Hofer. „Ein gemeinsamer Daten-Service, eine gemeinsame Fernsehproduktion und eine geringere Anzahl von Offiziellen würden die Kosten enorm senken“, führte Hofer nebst der Aufwertung des Frauenskispringens als weitere Gründe an.

Aus Insiderkreisen ist zu hören: Mal wären die Frauen schmückendes Vorprogramm für Wellinger, Kraft & Co., mal würden sie in Mixed-Wettbewerben voll integriert. Die FIS klopfe derzeit gerade Weltcup-Orte ab, die bereit wären, Frauen- und Männer-Weltcups an einem Wochenende zu veranstalten. Auch die Gespräche mit den Fernseh-Stationen seien bislang sehr positiv verlaufen. Komplettiert werden soll der Weltcup-Kalender der Frauen auch künftig mit Springen von der Normalschanze. Sie abzuschaffen, komme für Hofer und Yoshida nicht infrage, schließlich sollen die Wettbewerbe von den Klein-Bakken auch künftig bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften im Programm bleiben.

Während die Vierschanzentournee als stärkste Marke des Skisprung-Weltcups als reiner Männer-Wettbewerb unverändert bleiben soll, könnten die Frauen bei der Raw-Air, der Sprungserie auf den vier Schanzen von Oslo, Lillehammer, Trondheim und Vikersund, bereits 2019 komplett mit dabei sein. Der norwegische Skiverband jedenfalls sagte seine Unterstützung schon einmal zu. Als weiterer Quantensprung, so hört man hinter den Kulissen, könnten die besten 15 Frauen zum krönenden Ende der Raw-Air-Serie sogar von der Skiflugschanze in Vikersund springen – mit einer Schanzengröße von 240 Metern und einer Rekordweite von 253,5 Metern (gehalten vom Österreicher Stefan Kraft) die mit Abstand größte Absprungrampe der Welt. Bisher untersagt das FIS-Reglement den Frauen sowohl Training als auch Wettkampf auf einer Skiflugschanze.

Über Details und das weitere Vorgehen wird das Skisprung-Komitee des Internationalen Skiverbandes Mitte April bei einer Tagung in Zürich beraten. Endgültig absegnen müsste die Neuerungen der gesamte FIS-Vorstand – mit Gian-Franco Kasper an der Spitze – beim Kongress vom 13. bis 19. Mai im griechischen Costa Navarino. Im Sommer, so kündigte Hofer an, könnte bereits eine Testphase von gemeinsamen Wettkämpfen in der Grand-Prix-Serie erfolgen.

Carina Vogt, die es als erste Olympiasiegerin in die Geschichtsbücher des Sports geschafft hat, liegt die Weiterentwicklung ihres Sports ganz besonders am Herzen. Schon bei der Nordischen Ski-WM in Lahti vor einem Jahr ergriff sie die Initiative und warb in einem Gespräch mit IOC-Präsident Dr. Thomas Bach um Aufnahme von Mixed- und Mannschaftswettbewerb ins olympische Programm. Nun hat Vogt wieder einen Vorstoß gewagt: Bei den Winterspielen in Pyeongchang, verriet die 25-Jährige vom SC Degenfeld nun im Vorfeld des Weltcup-Finales in Oberstdorf, habe sie all ihren Mut zusammengenommen und das Gespräch mit FIS-Renndirektor Walter Hofer gesucht. „Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir künftig öfters mit den Jungs springen“, lautete einer ihrer Wünsche. Sie wisse zwar, dass die Leistungsdichte auf der Großschanze noch nicht so groß sei, dennoch würde ein Großteil der Top-Athletinnen gerne deutlich öfter von Großschanzen springen. „Dass es jetzt so schnell geht und Herr Hofer schon in Oslo seine Pläne präsentiert, hätte ich nicht gedacht“, meinte die vierfache Weltmeisterin und ergänzte: „Natürlich muss das jetzt noch alles abgesegnet werden, aber Herr Hofer ist guten Mutes – und dann bin ich es auch.“

Das deutsche FIS-Vorstandsmitglied Alfons Hörmann, gleichzeitig Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, steht Vogt und Hofer zur Seite: „Das Frauen-Skispringen hat sich in den vergangenen Jahren hervorragend entwickelt“, sagte der 57-jährige Allgäuer vor dem Saisonfinale in Oberstdorf. Damit seien die Bedenken der Skeptiker von früher widerlegt. Hörmann bezeichnet den weiteren Ausbau der Wettbewerbe und eine sukzessive Angleichung im Wettkampfkalender „in der Sache logisch“ und führte fort: „Es wäre schön, wenn die Kräfte in dieser so faszinierenden Sportart mehr und mehr geschlechterübergreifend gebündelt werden.“ Wann weitere Schritte im Kalender von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sowie die Erweiterung ums Skifliegen möglich würden, gelte es auf FIS-Ebene zielgerichtet zu diskutieren. Hörmann wörtlich: „Ich kann mir dabei eine offensive Vorgehensweise gut vorstellen.“

Autor: Thomas Weiß (Kürzel: twß)